Eine gute Vorbereitung auf die Herausforderungen der Zukunft

„Gibt es hier eigentlich keine Rolltreppen?“, fragt eine schwedische Schülerin, als sie ihren Koffer am Vaihinger Bahnhof die Treppe hinunterwuchtet. Nun, mit Rolltreppen am Bahnhof konnte Vaihingen nicht aufwarteten, dafür aber mit strahlendem Sonnenschein, der die ganze Woche anhielt. Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 2 des Stromberg-Gymnasiums hatten sich zudem einiges einfallen lassen, um ihre schwedischen Austauschpartnerinnen und Austauschpartner von der Peder Skrivares skola in Varberg gebührend zu empfangen – bis hin zu einem Willkommensplakat auf Schwedisch, das eine Schülerin begeistert schwang. Nachdem man sich bereits beim Besuch an der schwedischen Westküste Ende September/Anfang Oktober kennengelernt und gut verstanden hatte, war die Vorfreude aufs Wiedersehen groß gewesen. Da es schon kurz vor 17 Uhr war, durften die schwedischen Gäste ohne Umweg über die Schule direkt mit ihren Gastgeberinnen und Gastgebern nach Hause zu fahren, um sich mit den Familien bekannt zu machen.

Das frühe Aufstehen am nächsten Morgen zur ersten Stunde empfanden viele der Gäste dann doch als gewöhnungsbedürftig, verglichen mit dem deutlich späteren Unterrichtsbeginn an der eigenen Schule. Das machte die herzliche Begrüßung durch die Schulleiterin Katja Kranich aber wett. Kranich zeigte sich sehr angetan von der neuen Partnerschaft mit der schwedischen Schule, ist sie doch der festen Überzeugung, dass die Herausforderungen der Zukunft nur kooperativ zu bewältigen sind. Darauf bereite ein Schüleraustausch gut vor.

Thematisch stand die vom EU-Programm Erasmus+ geförderte Schülerbegegnung unter dem Motto „Sustainability“, also „Nachhaltigkeit“. Waren während des Besuchs in Schweden insbesondere die mündlichen Fertigkeiten in der englischen Sprache trainiert und das Debattieren geübt worden, lag der Fokus nun auf dem Schriftlichen. Wie erkenne ich die zentralen Botschaften lyrischer und epischer Texte? Wie verschriftliche ich die gewonnenen Erkenntnisse in einem gut strukturierten Text? Damit befassten sich die Vaihinger und die Varberger Schülerinnen und Schüler gemeinsam in einem Workshop zum Thema „Akademisches Schreiben“, den Dr. Jessica Bundschuh und Dr. Geoff Rodoreda, zwei Lehrende am Englischen Seminar der Universität Stuttgart, am Dienstagvormittag gemeinsam gestalteten. Als Grundlage hatten sie zwei Gedichte und einen Romanauszug gewählt, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Artensterben befassten. Aufgabe der Schülerinnen und Schüler war es, ihre Erkenntnisse zu den Texten in Gruppenarbeit in einem gut strukturierten Absatz festzuhalten, der Teil eines gemeinsam entwickelten Essays sein sollte.

Während sich manche der jungen Erwachsenen gerne mit den literarischen Texten auseinandersetzten, empfanden andere sie als eher schwere Kost. Umso bekömmlicher war dafür das gemeinsame Mittagessen in der Mensa: Burger mit wilden Kartoffeln, auf Wunsch auch in einer vegetarischen Variante. Am Nachmittag stand eine Stadtrallye auf dem Programm, die die Geschichte Vaihingens auf lebendige Weise erlebbar machte – natürlich ebenfalls auf Englisch. In Kleingruppen probierten die Schülerinnen und Schüler die neue interaktive Rallye aus, die von der Tourismus-Information entwickelt worden war. Dabei galt es, Rätsel zu lösen und mithilfe von QR-Codes auf eine kleine Reise in die Vaihinger Vergangenheit zu gehen. Bei bestem Wetter war schließlich auch das Eiscafé am Zielpunkt der Rallye gut gefüllt.

Am Mittwochvormittag verschafften sich die schwedischen Schülerinnen und Schüler einen Eindruck vom regulären Unterricht am Stromberg-Gymnasium. Sie hospitierten mehrheitlich im bilingualen Biologie-Leistungskurs, in dem stammesgeschichtliche Verwandtschaftsbeziehungen behandelt wurden. Mit Schere und Klebstoff ausgerüstet, erstellten die Schülerinnen und Schüler unter reger Diskussion eigene Stammbäume. Den Nachmittag nutzten die deutschen Schülerinnen und Schüler, um mit ihren Gästen einen Ausflug in die Landeshauptstadt Stuttgart zu unternehmen.

Einen weiteren Programmhöhepunkt hielt der Donnerstag bereit: Eine Führung durch das Kloster Maulbronn. Im „Skriptorium“, der Schreibstube, in der die Mönche vor Erfindung des Buchdrucks einst Bücher von Hand vervielfältigten, griffen die Schülerinnen und Schüler anschließend selbst zu Gänsekiel und Bambusgriffel, verfassten einen Brief und gossen ein Wachssiegel, um so gleich noch ein Souvenir zu schaffen. Anschließend war Zeit, um sich ein wenig chic zu machen – für den Abend sah das Programm ein gemeinsames Abschlussessen im Restaurant „Zum Strudelbächle“ in Riet vor. Neben dem Genuss einer deutschen Spezialität – Schnitzel mit Pommes frites oder wahlweise Spätzle – bot der Abend reichlich Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, auch für die beteiligten Lehrkräfte Malin Janko Enander und Caroline von Bahr von der Peder Skrivares skola sowie Rebekka Walter und Christoph Schüly vom Stromberg-Gymnasium. Sie sondierten schon mögliche Termine für eine Neuauflage des Austauschs im kommenden Schuljahr. Nach dem gemeinsamen Essen zogen die jungen Leute noch zu einer inoffiziellen Abschiedsparty weiter – wiewohl für einige der deutschen Schülerinnen und Schüler am nächsten Tag eine Klausur anstand. Aber man soll die Feste ja bekanntlich feiern, wie sie fallen.

Letztlich war es genau der kommunikative und soziale Aspekt, der bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern beider Länder besonders gut ankam – sowohl bei der gemeinsamen Projektarbeit als auch in der Freizeit –, und es wurden mitunter schon Pläne für ein Wiedersehen in den Sommermonaten geschmiedet. Dementsprechend schwer fiel manchen das Abschiednehmen am nächsten Morgen, obwohl bei den schwedischen Schülerinnen und Schülern auch die Vorfreude auf die Heimat im Norden spürbar war. Auf dem Weg zum Flughafen blieb noch Zeit für einen Besuch im Porsche-Museum mit englischsprachiger Führung, bevor am Nachmittag der Flieger in Richtung Kopenhagen abhob, von wo aus es mit dem Zug weiter nach Varberg ging. Zurück blieb bei den deutschen Lehrkräften der Eindruck: Das Fundament ist gelegt, darauf lässt sich in den kommenden Jahren aufbauen. 

Bericht: Sy, Fotos: Sy, Wa, privat