Manchmal braucht man einfach Durchhaltevermögen: Zum dritten Mal schon hat Marla Werr bei „Jugend debattiert“ ihren Hut in den Ring geworfen – und zum dritten Mal den Sprung in die Landesqualifikation geschafft. Beim Regionalfinale Mitte Februar musste die Schülerin der Jahrgangsstufe 2 des Stromberg-Gymnasiums in einer Debatte zum Thema „Soll eine Kontaktgebühr für Arztbesuche erhoben werden?“ die ablehnende Seite vertreten. Ihre Argumentation fokussierte sich auf die Gefahr einer Stärkung der sozialen Ungleichheit, auf den hohen bürokratischen Aufwand sowie auf die staatliche Pflicht zum Schutz der Gesundheit. Damit überzeugte die 17-Jährige die fünfköpfige Jury so sehr, dass sie als Siegerin der Altersklasse II aus dem Finale des Regionalverbunds Stuttgart Umland hervorging.
Dies eröffnete ihr den Weg in die Qualifikationsrunde fürs Landesfinale, die am 27. März am Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte (Gymnasium) in Stuttgart stattfindet. Dort trifft sie mit dem Zweitplatzierten aus dem Regionalverbund Stuttgart Umland, Lukas Schwind vom Otto-Hahn-Gymnasium in Böblingen, auf die beiden Bestplatzierten der 15 übrigen Regionalverbünde in der Altersklasse II. Wer noch alles um den Einzug ins Landesfinale kämpft, davon konnte sich Marla bereits am ersten März-Wochenende einen Eindruck verschaffen. Als Gewinn lockt für die beiden Besten aus den Regionalfinalrunden stets ein dreitägiges Rhetorik-Seminar in Bad Liebenzell im Nordschwarzwald. Aus diesem Seminar hat die angehende Abiturientin wertvolle Anregungen bezogen: Wie tritt man vor Publikum auf? Wie kann man eine Debatte auf eine abstraktere Ebene heben? Wie lässt sich gut an vorherige Beiträge anknüpfen? Wie wägt man das Für und Wider ab? Wie kann man in einer Debatte individuell herausstechen? „Man nimmt unheimlich viel mit“, resümiert Marla.
Als mehrmalige Teilnehmerin hat Marla für sich eine Routine geschaffen, um sich ein Debattenthema zu erschließen: „Zunächst notiere ich immer auf einem weißen Blatt, was mir zu dem Thema einfällt.“ Es gebe bei „Jugend debattiert“ einen Ehrenkodex, demzufolge bei der Vorbereitung keine KI zum Einsatz kommen solle, berichtet Marla. Im Fall der Debatte über eine mögliche Kontaktgebühr für Arztbesuche sei ihr der Zufall zu Hilfe geeilt: Am Tag zuvor sei sie in einer Hautarztpraxis gewesen und dort mit einer Ärztin ins Gespräch gekommen, die beispielsweise auf die Einbruchsgefahr hingewiesen habe, die durch eine erneute Einführung einer solchen Gebühr entstehen könne. Erlaubt sei auch eine herkömmliche Online-Recherche. Und die wird für die Finalqualifikationsrunde auch nötig sein. Denn: Während das Thema der Debatte schon einige Tage vorher bekanntgegeben wird, erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erst kurzfristig, ob sie für oder gegen die zur Debatte stehende Maßnahme argumentieren müssen. Umso wichtiger ist es also, das Thema schon im Vorfeld von allen Seiten zu beleuchten.
Die wiederholte Teilnahme am Debattierwettbewerb hat sowohl ihre Demokratiebildung als auch ihre Fähigkeit, sich in andere hinzuversetzen, gefördert, verrät Marla: „Man muss sich immer darüber im Klaren sein: Man führt gemeinsam eine Debatte.“ Es gehe nicht darum, „unbedingt die Argumente der Gegenseite zu entkräften, sondern darum, auf deren Basis weiterzudenken“. Im Argumentieren geübt zu sein, helfe auch bei Konflikten im Alltag, Verständnis für andere und deren Standpunkte aufzubringen. Selbst Freundschaften haben sich durch das Debattieren bereits ergeben: Anastasia aus Wendlingen und Taha aus Freiburg hat sie bereits bei ihrer ersten Teilnahme in der neunten Klasse kennengelernt und ist bis heute mit ihnen in Kontakt.
Nun unter 32 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Landesqualifikation den Sprung ins Finale zu schaffen, hätte schon was, gibt Marla zu. Aber sie weiß auch: Die Konkurrenz ist groß. „Je weiter man kommt, desto häufiger trifft man auf Menschen, die unbedingt weiterkommen wollen und sehr viel Zeit und Mühe dafür investieren.“ Sie selbst gehe nicht mit „enorm großem Ehrgeiz“ hinein. Ihr wichtigstes Ziel sei vielmehr, „einfach eine gute Debatte zu führen“.
Als Siegerin des Regionalfinales ist sie ja auch schon sehr weit gekommen – vor allem, wenn man bedenkt, dass sie in Klasse 9 gar nicht habe antreten wollen. Da der Wettbewerb aber in Klassenstufe 9 am Stromberg-Gymnasium fest im Curriculum verankert sei, hätten aus jeder Klasse jeweils zwei Sieger ermittelt werden müssen. Ihr damaliger Deutschlehrer habe sich dann deutlich für sie ausgesprochen. Rückblickend könne sie die Teilnahme nur empfehlen: „Man entdeckt Fähigkeiten an sich, von denen man vorher vielleicht gar nichts wusste.“
Wacker geschlagen hat sich im Regionalfinale auch Bernadette Sautter (9a) in ihrer Debatte zum Thema: „Soll auf allen öffentlichen Plätzen in unserer Region kostenloses WLAN angeboten werden?“ In Altersklasse I belegte sie den dritten Platz und könnte damit als Nachrückerin auch noch in die Landesqualifikation einziehen.
Bericht: Sy, Foto: Rebekka Stetter
