Job-Shadowing im Learnlife – Lernen zeitgemäß gedacht

Drei Tage Job-Shadowing an einer Schule im Herzen von Barcelona: Den dortigen Kollegen über die Schulter schauen, lernen und manchmal auch staunen

Wir stehen vor dem Gebäude, zwei große Scheiben sind links und rechts neben dem Eingang, die auch Schaufenster sein könnten. Nichts Besonderes, oder? Doch dann treten wir über die Schwelle und eine neue Lernwelt öffnet sich uns. Ein freundlicher Rezeptionist begrüßt uns mit einem Lächeln. Daneben die kleinen Schränkchen, in welchen die Schülerinnen und Schüler die Smartphones für die Dauer des Schultages deponieren. Entlang des Gangs sind kleine Lernnischen angeordnet, die zum Rückzug einladen und es ermöglichen, allein oder in kleinen Gruppen ungestört zu arbeiten. Am Ende des Ganges weitet sich der Raum und wir stehen im Herzen von Learnlife:  Es ist ein hoher, offener Raum über zwei Stockwerke. Durch das Glasdach dringt Tageslicht und die verschiedenen Studios sind mehr oder weniger offen um dieses Zentrum herum gruppiert. Insgesamt vermittelt der Ort eher den Eindruck eines Co-Working-Spaces als den einer herkömmlichen Schule.   

Im November 2025 durften wir, Schulleiterin Katja Kranich sowie Christiane Pfeiffer und Susanne Schips, im Rahmen einer Erasmus+-Mobilität drei Tage an einer Schule hospitieren, die vieles bewusst anders macht. Ihr zentrales Anliegen ist es, Jugendlichen Freiheit im Lernen zu geben und sie zugleich zu ermutigen, ihren Lernprozess verantwortlich und selbstbestimmt zu gestalten. Dies geschieht immer auch im Hinblick darauf, die Jugendlichen auf die Herausforderungen einer noch unbekannten Zukunft vorzubereiten.  Vor acht Jahren schlossen sich einige visionäre Menschen zusammen, um Lernen in Schule neu zu denken. Sie begannen mit nur sechs Schülerinnen und Schülern. Heute besuchen über 160 Jugendliche im Alter von 11 bis 18 Jahren die Sekundarstufe im Urban Hub, dem Standort mitten in Barcelona. Zusätzlich wurde inzwischen eine Grundschule gegründet und seit 2024 gibt es den Village Hub, den Schülerinnen und Schüler im Alter von 6-16 Jahren besuchen können. 

Was unterscheidet das Konzept Learnlife von herkömmlichen Schulen? Es beginnt bei der altersgemischten Zusammensetzung der Lerngruppen. Die Lernenden sind im Urban Hub in drei Lernentwicklungsstufen aufgeteilt:Explorer (11-14 Jahre), Creator (14-16 Jahre) und Changemaker (16-18 Jahre). Die Schulsprache ist überwiegend Englisch. Die Lehrkräfte verstehen sich als Begleiter des Lernprozesses und werden daher Learning Guides genannt. Klassische Tests und Klassenarbeiten gibt es nicht. Nichts zu tun? Falsch gedacht! Schülerinnen und Schüler, die von traditionellen staatlichen Schulen zu Learnlife wechseln, benötigen zumeist zwei bis drei Monate, um sich an die ungewohnte Freiheit zu gewöhnen. Denn das Fehlen klassischer Leistungsmessung bedeutet nicht, dass nicht gelernt wird und es heißt auch nicht, dass die Kinder und Jugendlichen dort ihren Lernfortschritt nicht unter Beweis stellen müssten. In der sogenannten learning vitae bilden sich verschiedene Lernbereiche in Form spezifischer Skills und Kompetenzen ab. Auch werden dort die Projektarbeiten und Feedback-Gespräche dokumentiert. Damit weisen die Lernenden ihren Lernstand nach und erarbeiten sich den Übergang zur nächsten Lernentwicklungsstufe.

Ein Lernzyklus beginnt mit einer Einführungsphase (Building Block), der dem traditionellen Unterricht noch am nächsten kommt.  In diesem stellt der Learning Guide Wissen bereit und lenkt das Lernen. Anschließend überlegen die Lernenden, wie sie ihr Wissen eigenständig vertiefen und mit welcher Art von Produkt sie ihren Wissenszuwachs zeigen können. Eine große Rolle spielt dabei auch die Reflexion, welche Kompetenzen sie damit unter Beweis stellen, beziehungsweise an welchen Kompetenzen sie noch stärker arbeiten müssen. Die Lernenden bewerten ihr eigenes Lernprodukt nach festgelegten Kriterien.  Daraufhin gleichen die Jugendlichen und die Learning Guides ihre Bewertungen ab. Dadurch trainieren die Lernenden, ihre eigenen Leistungen immer realistischer einzuschätzen. 

Neben den Building Blocks arbeiten die Jugendlichen insbesondere am Nachmittag auch in sogenannten Studios, in denen sie ihre eigenen Ideen umsetzen können: Mode entwerfen, mit Holz arbeiten, kochen, Musik machen, programmieren etc. 

Wir sprechen mit den jungen Menschen und spüren ihre Begeisterung und ihren Stolz, als sie uns ihre Projekte im Modestudio zeigen. Wir fragen nach dem Oberthema und ernten erstaunte Blicke. Erwischt! Wie oft lernen wir in diesen Tagen etwas über unsere Einstellung und Denkweise, die hier vielfach in Frage gestellt wird. Aus dem traditionellen System kommend, ist es für uns selbstverständlich, dass wir auch zum Beispiel im Kunstunterricht in jeder Unterrichtseinheit den Schülern zumindest ein Oberthema verpflichtend vorgeben. Es kommt uns zu wenig in den Sinn, den Kindern und Jugendlichen einfach mal die Freiheit zu lassen, den eigenen Ideen und damit der Kreativität freien Lauf zu lassen. 

Drei weitere Dinge haben uns nachhaltig beeindruckt: Gefragt, an wen sie sich wenden, wenn sie etwas nicht verstanden oder ein schulisches Problem haben, antworten alle Schülerinnen und Schüler ohne zu zögern: an einen Mitschüler bzw. eine Mitschülerin. Dies stärkt die Gemeinschaft, entlastet aber auch die Learning Guides, die dadurch mehr Zeit haben, sich um ihre Lernenden zu kümmern, die wirklich ihre Unterstützung des Learning benötigen. Das Zweite ist die Fähigkeit der Learnlife-Lerner, wirklich gut zuzuhören. Wie uns eine Erstklässlerin am Eco Hub, der Grundschule im Grünen, mit ihren sechs Jahren sehr ernst erklärt hat: „We listen with our ears, our eyes and our body!“  – der Leitsatz der Schule zum Thema Zuhören. Und wenn das Zuhören gut klappt, können auch der Spielraum und der Grad an Selbstbestimmung Schritt für Schritt erweitert werden. Denn was für die Lernenden bei Learnlife selbstverständlich gelebt und praktiziert wird, ist, dass man aus der eigenen Komfortzone herauskommen muss, um wirklich etwas fürs Leben zu lernen – learn life eben. 

Der Aufenthalt in Barcelona hallt nach… Und so gibt es viele kleine Dinge, die wir seither versuchen, an unsere Unterrichtsstrukturen angepasst zu realisieren. So stellen wir viel stärker ins Zentrum, WARUM wir etwas lernen und wir verknüpfen Lerninhalte viel stärker mit den Interessen und den Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen. Auch arbeiten wir parallel zur klassischen Notengebung immer systematischer mit unserem Stärkenkompass, einem Portfolio, welches Projekte und Lernfortschritte in notenfreien Räumen, wie zum Beispiel der Differenzierung, sichtbar macht. 

Auch Schulleiterin Katja Kranich zieht eine durchweg positive Bilanz ihres Job-Shadowings am Learnlife Barcelona. Ihr Aufenthalt stand ganz im Zeichen des Ausbaus der Kooperation und der weiteren Implementierung von skillbasiertem Lernen auf Basis des OECD-Lernkompasses 2030. Schon 2022 hatte ein Hinweis auf diese innovative Schule die Schulleiterin mit einer Schülergruppe erstmals nach Barcelona geführt: „Die Schule, die ihr euch wünschen würdet, die gibt es schon!“ Seitdem gibt es für Katja Kranich „Geht nicht“ nicht mehr, wenn es darum geht, Schule weiterzudenken und zeitgemäß weiterzuentwickeln. Seit über drei Jahren schon verbindet das Stromberg-Gymnasium nun eine enge Kooperation mit dem Learnlife, das aktuell in der Kategorie „Innovation“ bei „World‘s Best School Prizes“ in die TOP 10 gekommen ist.

Ohne unsere ERASMUS+-Akkreditierung wäre vieles davon so in dieser Form nicht möglich. Dafür sind wir sehr dankbar. Und neben dem pädagogischen „Win“ sind wir – so empfindet es die Schulleiterin persönlich sehr stark – noch europäischer geworden an unserer Schule, als wir es ohnehin schon sind.

Bericht und Fotos: Kc, Pf, Si