Vier Mal? Fünf Mal? Oder sogar schon sechs Mal? Die beiden müssen erst einmal nachzählen, um zu wissen, wie oft sie sich über ihre Landesgrenzen hinweg bereits getroffen haben – und das als Siebtklässler mit gerade 12 und 13 Jahren…. Und auch die Stimmung während des Interviews, wo sie einander beim Erzählen die Bälle zuwerfen, die Sprachen wechseln, an denselben Stellen lachen oder einander fragend anschauen, zeigt es: Tjelle Kaiser und Clément Adloff sind ein Paradebeispiel für einen gelungenen Schüleraustausch!
Begonnen hatte alles im Frühjahr 2025 durch ihre Teilnahme am Fantastikinderprojekt ihrer beiden Schulen, des Stromberg-Gymnasiums Vaihingen/Enz und des Collège du Kochersberg in Truchtersheim. Tjelle hatte sich für dieses deutsch-französische Musikprojekt der Klassenstufe sechs angemeldet, um das Nachbarland ganz direkt kennenzulernen. Und Clément war Schüler der deutsch-bilingualen Klasse der dortigen Deutschlehrerin Bernadette Gall, die im nunmehr zehnten Jahr die Begegnungen der Fantastikinder in Kooperation mit der Vaihinger Französisch- und Musiklehrerin Carmen Förnzler durchführt.
Dass die zwei aufgeweckten Schlagzeugspieler gut als Tandem harmonieren würden, vermuteten die austauscherfahrenen Lehrerinnen bei ihrer Partnerzuteilung zurecht: Schon am ersten Tag ihrer Erasmus+-Gruppenmobilität im März 2025 am Collège du Kochersberg hatten die beiden Corres ihren gemeinsamen Rhythmus gefunden. So berichtete Tjelle nach seiner Nacht in der französischen Gastfamilie begeistert vom Bauernhof des elsässischen Tandempartners und der Geburt eines Kälbchens, die er miterleben durfte.
Den Tagesbesuch der französischen Partnerklasse im Mai 2025 in Stuttgart anlässlich eines deutsch-französischen Chorauftritts der Fantastikinder beim Europaaktionstag verlängerten die beiden neuen Freunde kurzerhand und Clément blieb gleich das ganze Wochenende über bei seinem deutschen Tandempartner. Ein weiterer projektinterner Ausflug führte die damaligen Sechstklässler im Juli 2025 im Europapark in Rust zusammen, wo die Fantastikinder aus Truchtersheim und Vaihingen ein letztes Mal gemeinsam auf der Bühne standen.
Für die beiden Jungs jedoch war der Abschied nur von kurzer Dauer, denn schon im Sommer 2025 verbrachte Tjelle eine ganze Woche bei Cléments Familie auf dem großen Bauernhof mit über 500 Kühen, darunter 250 Milchkühen – eine Zeit, auf die beide besonders gerne zurückblicken. Und so war für die interkulturell so aufgeschlossenen jungen Herren bald klar, dass sie ihre Begegnungen in der Klassenstufe sieben im Rahmen einer offiziellen individuellen Schülermobilität fortsetzen würden. Sie wählten hierfür das vom Kultusministerium Baden-Württemberg als „2×2 Wochen“ beworbene grenznahe Austauschprogramm. Teilnehmen können daran sowohl Einzelpersonen mit Angabe einer Wunschregion (Alsace, Champagne-Ardenne / Normandie und Rhône-Alpes) oder bereits bestehende Tandems wie Clément und Tjelle, die sich gegenseitig besuchen. Für ihr Engagement erhalten die Partner im Anschluss eine offizielle Teilnahmebescheinigung der Deutsch-Französischen Schülerbegegnungsstätte Breisach, die als Vorortstelle des Kultusministeriums BW individuelle deutsch-französische Austausche organisiert und betreut.
Im Juni und Juli 2026 verbrachten beide Jungs somit jeweils zwei Wochen im Partnerland und lernten dadurch den Alltag in Schule und Familie noch tiefer kennen. Auf dem Programm standen dabei beispielsweise die Teilnahme an wöchentlichen Orchesterproben des Partners – Tjelle begleitete Clément in das Sinfonieorchester der Musikschule, in dem hauptsächlich Erwachsene mitspielen, Clément nahm an einer Probe des Jugendorchesters im Musikverein Ensingen teil. Außerdem teilten sie ihren jeweiligen Schulalltag miteinander – inklusive der Vorbereitungen auf Klassenarbeiten, Referate und GFS.
Highlights waren für beide außerdem die Ausflüge im Familienkreis an den Wochenenden: Kartfahren und Burg Fleckenstein im Elsass, Mercedes- und Porschemuseum sowie das John Deere Forum Mannheim im Ländle. Zugunsten ihrer Schülerbegegnung fehlte Clément nun in den letzten beiden Schulwochen in seiner Classe de 5e, Tjelle verbrachte die erste Schulwoche nach den Pfingstferien im Elsass und opferte für den Sprachenaufenthalt zudem die zweite Woche seiner Pfingstferien.
Auf die Frage, ob sich das denn gelohnt habe, strahlen beide: Selbstverständlich, denn man lerne so viel Neues, beispielsweise bei der Aussprache und dem freien Sprechen in der jeweiligen Fremdsprache, zudem im Wortschatz (inklusive neuer Schimpfwörter) oder auch in Bezug auf die Unterschiede im Schulalltag. Clément liebt das Pausenradio am Stromberg-Gymnasium, während Tjelle den späteren Schulbeginn in Truchtersheim bevorzugt. Hitzefrei hat der junge Truchtersheimer erst hier kennengelernt, wohingegen für Tjelle das abgeriegelte Schulgelände an französischen Collèges äußerst ungewohnt war.
Der schwäbische Dialekt hat Clément bisher keine Schwierigkeiten beim Deutschlernen bereitet – mit Interesse erfährt er im Interview von den Ähnlichkeiten mit dem Elsässischen. Auch in der jeweiligen Partnerklasse wurden die beiden Corres aus dem Nachbarland gut aufgenommen, wie Tjelles Klassen-und Französischlehrerin Laura Ruoff bestätigt. Sie hebt besonders den Schwung und das große Interesse hervor, mit dem der junge Franzose dem deutschen Unterrichtsalltag begegnet sowie die Aufgeschlossenheit der gesamten Klasse ihrem zeitweiligen Gast gegenüber.
Was das deutsch-französische Duo anderen Kindern und Jugendlichen als Tipp vor einem eventuellen Individualaustausch mitgeben kann? Offen sein und einfach machen, meinen beide. Denn man gewöhne sich schnell an das neue Umfeld und könne ja bereits im Vorfeld einer Mobilität durch gezielte Angaben zu Wunschregion oder den eigenen Hobbys die Auswahl etwas eingrenzen. Dass es immer so gut passt wie bei diesen beiden, ist nicht gesagt. Aber ihr Beispiel macht zweifelsohne Mut und zeigt, wie freundschaftlich im besten Falle bereits Heranwachsende Europa erleben!
Bericht: Fö, Fotos: Rf


